Grundfragen der Medizin

Hier erscheinen in loser Folge Texte, die Grundlagen der Medizin thematisieren

"Wunder sind möglich. Spontanheilung bei Krebs"

Rezension zum Buch von Herbert Kappauf Kreuz Verlag. 2. Auflage 2011 ISBN 978 3 451 61007 3
Taschenbuch, 220 Seiten

Der klinisch onkologisch sehr erfahrene Arzt und Psychotherapeut Herbert Kappauf führt auf den ersten 49 Seiten facettenreich in das Thema ein. Er wendet sich mit seinem Buch sowohl an medizinisch, theologisch und psychotherapeutisch interessierte Laien als auch an Fachleute.

Anschließend entfaltet er in vier teils mehrere Kapitel einbeziehenden Abschnitten die wesentlichen Dimensionen des Begriffes "Spontanremission" im Kontext von bösartigen Tumorerkrankungen:

  • Spontanremissionen in der Medizingeschichte
  • Biologische Mechanismen, die im Kontext von Spontanremissionen diskutiert werden
  • Psychologische Wirkfaktoren bzw. psychoneuroimmunologische Mechanismen als Schnittstelle zwischen körperlichen und seelischen Einflüssen auf Krankheits und Heilungsprozesse sowie
  • Religiöse Deutungen und Aspekte übernatürlicher Heilungserfahrungen

Zum Schluss erteilt er in einem kurzen Artikel seine vorangegangenen Darlegungen zuspitzend dem "alten Zopf" einer "Krebspersönlichkeit" als auch einer "Spontanremissionspersönlichkeit" eine klare Absage und gibt hilfreiche Tipps für Krebskranke. Mehrere Gedichte von Susanne Szentandrási laden zum Meditieren und zum Gebet ein.

Der Autor, langjährig Oberarzt in der onkologischen Abteilung unter Leitung von Prof. Walter Gallmeier, schildert in seinem ausführlichen Vorwort und ersten Kapitel packend, wie es zum 1988/89 von der Deutschen Krebshilfe initiierten Untersuchungauftrag zur Bewertung von unkonventionellen Behandlungsmethoden kam. Der Nürnberger Arbeitsgruppe "Biologische Krebsmedizin" wurde schnell klar, dass ein Wirksamkeitsnachweis von alternativen Krebstherapien genauso aber auch von bereits etablierten onkologischen Therapieverfahren - ohne eine Abgrenzung zu spontanen Tumorrückbildungen unmöglich sei.
Schon vor diesem Auftrag, schreibt Prof. Gallmeier sinngemäß in seinem Vorwort zur ersten Auflage 2003, hatten ihn solche selten vorkommenden Spontanremissionen fasziniert und zugleich gelehrt, "wie bescheiden wir mit unserem medizinischen Wissen umgehen müssen und wie vorsichtig wir mit Prognosen sein müssen." (S.11, 2. Abs.). Und auch sein Erstaunen entfacht, "wie wenig systematisch wissenschaftliche Aufmerksamkeit dieses seltene Phänomen bisher in der Medizin erhalten hat." (S.10, 3. Abs.).

Diesen Geist brillianter Fachlichkeit, einfühlsamer Patientenbegleitung sowie wissenschaflicher Klarheit und zugleich Bescheidenheit atmet das ganze Buch. Kappauf zitiert mehrfach seinen ehemaligen Chef mit dem in den Ohren eines Wissenschaftlers provokant klingenden Satz: "Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist."

[Einschub - evt gesondert abdrucken oder fortlassen Zur Erläuterung für den medizinisch weniger bewanderten Leser möchte ich zum Verständnis der Hintergründe einige wesentliche Informationen in Kurzform weitergeben: Jede Therapie sei sie bereits hochschulmedizinisch etabliert, im Labor neu entwickelt oder in der klinischen Erprobung oder eben unkonventionell und alternativ muss sich nach wissenschaftlichen Maßstäben als vorteilhaft für den Kranken erweisen. Dazu dienen im wesentlichen klinische Studien. Hier werden "das wahre Therapeutikum" (ein Medikament, eine Operation, eine Bestrahlung oder andere eindeutig definierte Therapie) gegenüber einem Scheinmedikament / Scheintheapie (Placebo) getestet. Der "Placeboarm" untersucht den Krankheitsverlauf ohne die Anwendung eines definierten Therapeutikums bei sonst identischer optimaler Versorgung des Kranken (sog. "Best supportive care" = "BSC").
Gerade in der Krebsmedizin jedoch ist die therapielose BSC Begleitung des Patienten ethisch oft nicht zu verantworten, da man weiß, dass sich ohne eine Therapie die Lebenszeit und die Chancen zur Heilung erheblich reduzieren. Inzwischen können ca 50% aller Tumorerkrankungen einer Langzeitremission oder gar Heilung durch onkologische Therapie zugeführt werden. Demzufolge prüft man häufig nur eine alte gegen eine neue Therapie.
Dabei dürfen aus wissenschaftlicher Sicht nachfolgende Probleme nicht übersehen werden: Eine Reihe etablierter Therapien ist medizingeschichtlich noch nie gegen eine "BSC Variante" geprüft worden. Damit weiß man nicht genau, unter welchen Bedingungen eine Therapie dem Patienten mehr schadet als nützt.

Die über viele Jahrzehnte immer wieder beobachteten ungewöhnlichen Genesungen (Spontanremissionen) von Krebskranken wurden und werden von der etablierten Medizin kaum systematisch wissenschaftlich untersucht. Vielmehr wurden sie über Jahrzehnte als unwissenschaftlich tabuisiert (Erschütterung des medizinischen Denkrahmens und ärztlicher Autorität: "was nicht sein kann, das gibt es nicht..."). Damit ging das Potential, medizinisches Wissen aus solchen ungewöhnlichen Verläufen zu generieren, verloren und Kranke wurden aus der "Best supportive Care" hinausgedrängt und fielen teilweise unseriösen "Heilern" in die Arme. ]

Der Autor positioniert sich zusammen mit seinem ehemaligen Chef und persönlichen Freund Prof. Gallmeier als ein Wissenschaftler, der auch gegen Anfeindungen aus den eigenen Reihen diesen von der Natur präsentierten Heilungsverläufen auf den Grund gehen will.

So überschreibt er sein 2. Kapitel bezeichnenderweise "Wunder in der Medizin staunen und sich wundern trauen". Er verschafft dem Leser Einblicke in das an seiner Nürnberger Klinik neu ins Leben gerufene Projekt zur Untersuchung von unkonventionellen Heilverfahren, insbesondere von Spontanheilungen bzw. Spontanremissionen. Und in die schillernde Dynamik unterschiedlichster Reaktionen des in den Medien präsentierten Anliegens. Von betroffenen Krebskranken, die sich neue Therapiewege erhoffen. Von der Presse, die seriös wissenschaftlich oder reißerisch mit Falschinformationen Leser oder Einschaltquoten toppen wollen. Oder von Wissenschaftlern, die sehr gründlich zum Thema recherchierten aber von der "scientific community" freundlich lächelnd missachtet werden. Nicht zuletzt von "Therapeuten", die mit ihren bekannten oder ausgefallen wundersamen Verfahren schon längst routiniert Krebs besiegen und unheilbaren Krebserkrankungen gegenüber entrückt sind. Und dem Autor ein "bescheidenes Eingeständnis seiner scheinbaren Inkompetenz" entlocken.

Es folgen knapp gehaltene überlegugen zu "Wunder" aus dem Blickwinkel der Religion / Theologie, Wissenschaft und Philosophie. Auch die Spannungen zwischen der Hochschul und Alternativmedizin kommen kurz zur Sprache.

Im folgenden Kapitel differenziert Dr. Kappauf die Begriffe Spontanremission, Spontanregression, Spontanheilung. Er identifiziert sich mit der Definition von Eversone & Cole zur "spontaneous remission of occult diseases" und erläutert die in der Medizin üblichen Begriffe zur Beschreibung von Tumorverläufen wie Voll und Teilremissionen, "minor response" oder "stable disease", langsamer Progress...

Sehr aufschlussreich, interessant und spannend liest sich das Kapitel über die Medizingeschichte. Gerade Krebs hat einen Geschmack von bedrohlich und faszinierend, Krebsmedizin zwischen Erfolg und völligem Ausgeliefertsein. Dem fortwährenden Bedürfnis nach einem schlüssigen Kausalkonzept stellt Kappauf deutlich die Grenzen der Medizin gegenüber.

  • Die Trennung von Forschung und Krankenversorgung (from bench to bedside)
  • Die beherrschende Rolle der Medizintheorie gegenüber der täglichen Erfahrung (jahrzehntelang dominierte die Mutationstheorie (mutierter Zellklon verhält sich wie eine Lawine, die einmal talwärts auf dem Weg nicht mehr zurück bergwärts redifferenzieren kann) die Onkologie und verneinte streng die Möglichkeit zur Redifferenzierung entarteten Gewebes oder die schon früh formulierte Virushypothese zur Krebsentstehung)
  • Die Bedeutung des Immunsystems (Immunüberwachung...) zur Krebsentstehung und Tumorbewältigung

Er zeigt auf, wie diese Einflüsse die Forschungsvielfalt ausbremsten und damit auch die wissenschaftliche Aufarbeitung von Spontanremissionen an den Rand drängten.

In den siebziger Jahren des 20. Jhdts. entwickelte sich die onkol. Forschung wieder in die Breite. Standardisierte Klassifizierungssysteme, Weiterentwicklung supportiver Therapien, interessante Neuerungen der Immunsystemforschung, Erkenntnisse der Psychoneuroimmunologie und neue Offenheit für ungewöhnliche Genesungsverläufe förderten die Bereitschaft, sich auch rechts und links etablierter Wege mit Phänomenen auseinanderzusetzen.
Internationale Beachtung fanden die 1991 von der Deutschen Krebshilfe initiierte Konferenz von Experten zu Psychoneuroimmunologie und Krebs in Starnberg und 1997 in Heidelberg das int. Symposium "Spontanremissionen in der Onkologie".

In einem ausführlichen, 23 Seiten umfassenden 5. Kapitel intensiviert Dr. Kappauf Sachinformationen und die konkrete Auseinandersetzung mit den "Wundern, die möglich sind". Er differenziert die Wahrscheinlichkeit für eine Spontanheilung nach Tumorart und zeigt, dass einige Tumore wie das kindliche Neuroblastom, Nierenzellkarzinome, Malignome der Haut oder Lymphome eine deutlich höhere Spontanremissionsrate aufweisen als andere, vor allem solide Tumorarten. Nachgewiesen wurden sie aber bei sehr vielen Tumoren.
Immer wieder streut er konkrete Krankheitsverläufe von Patienten aus der eigenen Klinik oder aus dem Pool von zugesandten Berichten ein.

Ab dem 6. Kapitel werden Kasuistiken, also Krankheitsverläufe, ausführlicher geschildert und auch die Komplexität der zur Anwendung kommenden etablierten Therapien. Dazu gehören wissenschaftlich umstrittene biologische Therapieverfahren, zuwendungsorientierte Pflege, Psychotherapie und die psychologischen Phasen der eigenen Krankheitsverarbeitung der Betroffenen. Der Autor verschweigt nicht die unterschiedlichen, z.T. gegensätzlichen Interpretationen zu Verläufen der Krankheit und ihren z.T. ungewöhnlichen Heilungsverläufen. Manchmal scheint es, als kontiere jede beteiligte Profession den Erfolg auf ihr Konto.

Dem stellt der Autor aktuelle Modelle zur Krebsentstehung und Krebsbewältigung auf medizinisch biologischer als auch auf psychosozialer und religiöser Ebene gegenüber. Er vertritt die These, dass sich unterschiedliche Wirkmechanismen durchaus ergänzen können. Er nimmt den Leser mit in die Fachwelt und erwartet, dass er sich mit dem einen und anderen Fachbegriff vertraut macht: "Apoptose", "Onkogene", "Initiatoren" und Promotoren", "Telomeraseinhibition" oder "Angiogenesehemmung" u.a.m. sind Begriffe, die den Leser jetzt vielleicht doch ein Fachwörterlexikon hinzuziehen lassen. Immer wieder flechtet er Beobachtungen zu Zusammenhängen zwischen Spontanremissionen, biologischen Signalwegen zur Krebsbewältigung und etablierten Therapien ein. So werden Spontanremissionen speziell nach inkompletter operativer Tumorentfernung beobachtet. Oder er deutet die wechselvollen Entwicklungen von Therapien an, die das Immunsystem zur Tumorregression nutzen (wollen).

Ebenfalls einen breiten Raum nehmen die religiösen und psychologischen Aspekte bzw. Untersuchungen im Kontext von Spontanremissionen ein. Auch wenn einzelne Kranke Ihr Heilwerden als "übernatürliches Eingreifen" Gottes erlebt haben, beschränkt Kappauf die religiöse Dimension keinesfalls auf diesen Blickwinkel oder auf eine christliche Glaubenspraxis. "Religiöses Erwachen" und "existentieller Wandel" kann ein Krebskranker im Raum der einen oder anderen Religion erfahren.
Bei der Beschreibung psychologischer Faktoren lehnt sich Kappauf an die Arbeit des renommierten japanischen Kulturanthropologen Hiroshi Oda an, der verschiedene Reaktions und Verarbeitungsmuster beschrieb, die er bei von Langzeit Spontanremissionen betroffenen Krebskranken herausarbeiten konnte:

Der "Kämpfergeist" Menschen sehen die Krankheit als Eindringling von aussen, den es mit verschiedenen, einander ergänzenden Mitteln zu bekämpfen gilt. Eine änderung des Selbstkonzeptes findet hier nicht statt.

Der "existentielle Geist", der seine Genesung vor allem einer deutlichen Veränderung seiner Einstellungen und seines Verhaltens zuschreibt. Hier kann auch das religiöse (Wieder )Erwachen eine größere Rolle spielen. Genesung wird als eine "Geschichte der Gottesgnade" begriffen

Der "selbst transformierende Geist". Menschen, die die Krebserkrankung als integralen Bestandteil ihres Lebens, Botschaft an sich selber verstehen. Sie wollen nicht primär gesund werden, sondern versuchen die Zeichen der Krankheitsbotschaft zu verstehen, zu deuten und danach zu leben. Heilung ist dann ein Nebenprodukt der Transformation.

Seine im Rahmen der Nürnberger Arbeitsgruppe für Biologische Krebstherapie dokumentierten 21 Fälle von Spontanremissionen teilte er hinsichtlich der Krankheitsverarbeitung in 4 Gruppen ein. Die zweite Gruppe von Oda teilte er in eine Gruppe, die stärker den existentiellen Wandel unterstrich und eine, die die religiöse Deutung in den Vordergrund stellte. Die vierte Gruppe überschrieb er mit "Verstricktes Beobachten".

Das Phänomen der Spontanremission, so resümiert Dr. Kappauf als Mediziner und Psychotherapeut, gibt dem Kranken Hoffnung. Auch sei ihm bewußt geworden, wie sehr sich oft die Denkwelten von Kranken und ihren ärzten unterscheide. Und nochmals betont er zum einen, dass es definitiv keine Krebspersönlichkeit gebe. Dass die o.g. Muster von Bewältigungsstrategien niemals in Reinform vorkommen. Dass es auch keine "gemeinsamen Nenner" gebe, der eine "erfolgreichere" Bewältigung der Krankheit wahrscheinlicher mache. In der Gruppe der ungewöhnlichen Genesung gab es auch einen Betroffenen, der sein Leben so weiterführte wie bisher. Statistisch gesehen hat sich der überwiegende Teil jedoch aktiv mit der Erkrankung auseinandergesetzt. Zum anderen betonte er, dass die unerwarteten Therapieerfolge in der Medizin mehr Aufmerksamkeit verdienen!

Im Anhang findet sich ein sehr ausführliches Quellenverzeichnis, dass ich bereits aktiv nutzte. Das Buch inspirierte mich, in diesen Quellen weiter zu lesen und noch tiefer in dieses interessante Thema einzudringen. Als Querdenker zwischen Naturheilkunde und Schulmedizin. Als jemand, der sich mit Patienten beschäftigt, die in den etablierten Pfaden der Schulmedizin oder der Heilpraxis (gemeint ist die Erfahrungsmedizin, die in Deutschland durch Heilpraktiker tradiert dem Patienten zur Verfügung steht) alleine nicht weiterkommen bzw. an ihre Grenzen stoßen. In dieser Herausforderung hilft mir das Buch des Kollegen Kappauf, mich ohne Vorurteile stets neu auf einen einzigartigen Menschen mit einer individuellen Krankengeschichte einzustellen, der eine wohl dosierte und individuell komponierte Begleitung braucht. Dabei wünsche ich mir als Therapeut eine einladende Rückbindung an den Schöpfer, der uns Menschen als lebendige Kreaturen geschaffen und jedes Leben segnen will. Ich glaube, dass ich hier mit dem Autor eins bin.

Reinhard Köller

Text "Rezension zu Herbert Kappauf" als PDF ansehen